Unter seiner Leitung finden die schwierigsten psychiatrischen Fälle ein Zuhause
Unterschiedlichste Diagnosen, selbst- und fremdgefährdende Menschen sowie hochmoderne Isolationszimmer – all das gehört bei Ansbach Care in Wald unter der Leitung von Raphael di Gallo zum Alltag. Ein Einblick in eine Welt fernab der Normalität.
Luca Da Rugna
Die Türen der geschlossenen Abteilung sind verriegelt, dahinter herrscht reges Treiben. Einige Bewohnende schlendern gemütlich über den Korridor, während andere ungeduldig auf das Frühstück warten. Hier ist das Zuhause von besonders heraus fordernden, psychisch kranken Menschen, die nicht oder kaum therapierbar sind.
Ansbach Care ist ein spezialisiertes Betreuungszentrum im Bereich der Langzeitpsychiatrie. Viele der hier lebenden Patienten wurden Zeit ihres Lebens von einer Einrichtung in die nächste verlegt, da sie ihr Umfeld überforderten.
Das Zentrum in Wald hat sich unter der Leitung von Raphael di Gallo auf die Fahne geschrieben, den Patienten in den ehemaligen Wänden der Stiftung Drei Tannen ein neues Zuhause zu geben, in dem sie mittel bis langfristig bleiben können.
Vom Bauer zum Institutionsleiter
Im Oktober 2022 eröffnete der gelernte Bauer aus Hinwil das spezialisierte Pflege und Betreuungszentrum, eine geschlossene Langzeitpsychiatrie an der Asylstrasse 16. Der 33 jährige Unternehmer arbeitete zuvor in dem von seinem Grossvater gegründeten Unternehmen di Gallo Gruppe. Diese hat sich auf Alterssiedlungen, Pflegeheime und Betreutes Wohnen spezialisiert.
«Mein Grossvater machte seinerzeit eine Ausbildung als Pfleger in der ‹Klinik Schlössli› in Oetwil am See», sagt sein ebenfalls mit Unternehmergeist gesegneter Enkel. Genauso eigen sei auch ihm die Freude an der Arbeit mit psychisch kranken Menschen.
Dass er auch noch einen Bauernhof in Ringwil betreibe, sei bei seinen vor nicht allzu langer Zeit gefassten Plänen eher förderlich als hindernd gewesen. «Mittlerweile arbeiten gewisse Patienten von uns auf meinem Landwirtschaftsbetrieb und können sich dabei bestens entfalten und einer sinnvollen Beschäftigung nachgehen.»
Das gilt allerdings längst nicht für alle 50 Bewohnerinnen und Bewohner der Einrichtung. Bei den meisten von ihnen handelt es sich um besonders herausfordernde psychisch kranke Menschen, die den Weg in ein selbständiges Leben wohl nie wieder einschlagen werden. Rund 60 Mitarbeitende pflegen und betreuen sie rund um die Uhr.
Was Ansbach Care von psychiatrischen Kliniken unterscheidet, ist, dass hier vor allem Menschen mit chronifizierten Krankheitsverläufen leben. Dementsprechend hat das Zentrum im Unterschied zu einer Klinik keinen Behandlungsauftrag.
«Unheilbar krank oder nicht therapierbar»
Das bedeutet, es geht weniger um die Genesung der Patienten, sondern vielmehr um eine Stabilisierung sowie mittel bis langfristige Unterbringung und Betreuung. «Mehr als die Hälfte der Patienten sind durch die Kindes und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) fürsorgerisch bei uns untergebracht.»
Derzeit lebt in der Einrichtung lediglich ein Patient, der als voll urteilsfähig gilt. «Bei uns ist eine absolute Randgruppe untergebracht, welche oft als unheilbar krank oder nicht therapierbar gilt», sagt di Gallo. In seiner Institution landen also keine Menschen, die «ein wenig depressiv sind», sondern Menschen mit langjährigen komplexen Diagnosen. «Ansbach Care ist die Anschlusslösung für die anspruchsvollsten Fälle nach einem Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik.»
Psychiatrische Kliniken sind nicht dafür da, um Patienten mit chronifizierten Krankheitsverläufen dauerhaft zu beherbergen. «Eine Therapie macht in solchen Fällen selten Sinn und ist darüber hinaus auf lange Sicht sehr oft auch zu teuer», erzählt di Gallo. «Dennoch müssen Kliniken ab und an bis zu 50 Anfragen an verschiedenste Institutionen stellen, bis sie eine passende Anschlusslösung finden.»
Bei besonders herausfordern den Patienten könne es von der Anfrage bis zur Aufnahme im Betreuungszentrum sechs bis acht Monate dauern. Dennoch sei man bemüht, wenn immer möglich Lösungen zu bieten, um so auch teils überfüllte Kliniken zu entlasten. «Auch Justizvollzugsanstalten und überforderte Pflege und Betreuungsinstitutionen überweisen regelmässig Patienten an uns.» Ansbach Care komme immer dann ins Spiel, wenn man mit dem Patienten nicht mehr weiterwisse.
Ein Beispiel dafür seien «Systemsprenger», wie sie di Gallo nennt, die zwar eine Gefahr für die Gesellschaft darstellen, aber nicht strafrechtlich verurteilt sind. Deshalb kann man sie auch nicht in eine Vollzugsanstalt einsperren. «Mittlerweile haben wir Zuweisungen aus zehn verschiedenen Kantonen und Liechtenstein», sagt di Gallo.
Lange Vorlaufzeiten
«In Wald gibt es ja bereits einige verhaltensoriginelle Menschen», meint di Gallo schmunzelnd. Da sei es förderlich, auch hinsichtlich der Harmonie in der Gemeinde, wenn durch Ansbach Care nicht auch noch zusätzliche Patienten das Dorf behelligen. Dies sei dank der Spezialisierung auf geschlossene Wohnplätze weitgehend gelungen.
Doch auch Ansbach Care könne längst nicht jeden Patienten aufnehmen. «Vor einer Aufnahme passiert bei uns im Vorfeld sehr viel.» So werden Arzt und Pflegeberichte sowie Gutachten sehr genau studiert. Ein interdisziplinäres Team wägt bereits zu diesem Zeitpunkt ein erstes Mal ab: Können wir diese Person unter Berücksichtigung aller Gefahren bei uns aufnehmen und wenn ja, unter welchen Bedingungen?
«Sehen wir die Möglichkeit einer Aufnahme, gehen wir je weils in die Klinik, damit wir uns ein umfassendes Bild aus erster Hand machen können. Dabei sprechen wir mit den behandelnden Ärzten und dem Pflegepersonal, bevor es zu einem ersten Kennenlernen des Patienten kommt.»
Es komme hin und wieder vor, dass eine Aufnahme ab einem gewissen Punkt plötzlich doch sehr schnell gehen müsse. «Wir hatten einen Fall, wo wir deshalb innert sieben Tagen einen Zimmerboden und die Wände aus Sicherheitsgründen geplättelt haben, um diesen spezifischen Patienten bei uns aufnehmen zu können.»
Sicherheit als oberstes Gebot
Di Gallos Aufgabe und Verantwortung als Geschäftsführer und Unternehmer sei es, alles zu unternehmen, um die Sicherheit unserer Bewohnenden, Mitarbeitenden sowie der Bevölkerung zu gewährleisten. «Aus diesem Grund investieren wir sehr viel Geld in die Sicherheit.» Rund 40 Kameras, ein Durchgangsdetektor, Sicherheitsmöbel, nicht brennbare Bettwäsche, Hochsicherheitstoiletten, Chromstahlspiegel und vieles mehr ist bei Ansbach Care Standard.
Dazu ist das Personal in Sachen Deeskalation, Zugriffs und Verteidigungstechniken geschult. Darüber hinaus ist zusätzlich an jedem Tag ein Sicherheitsdienst engagiert.
«Bei uns finden Sie kein normales Besteck, Porzellan, Gläser oder Feuerzeuge», betont di Gallo. Alle Mitarbeitenden tragen während der Arbeit spezielle Smartphones mit einer Alarmfunktion auf sich. «Wird ein Alarm ausgelöst, eilen innert weniger Sekunden alle verfügbaren Mitarbeitenden zu Hilfe.»
Für die immer wieder vor kommenden Eskalationen gibt es ein modernes Isolationszimmer. «Hier landen unsere Bewohnerinnen und Bewohner, wenn es nicht mehr anders geht», sagt di Gallo.
Dies kann sowohl die Folge von gewalttätigem Verhalten gegenüber Mitarbeitenden oder Mitbewohnenden als auch bei suizidalen Absichten notwendig werden. Ab und an würde das Isolationszimmer aber auch frei willig von Patienten genutzt, da dieses Zimmer sie von äusseren Reizen abschirmt.
Zwei Kameras an den Wänden, ein Hochsicherheitsbett sowie ein vor Vandalen sicheres WC mit Lavabo sind alles, was es gibt. Der Raum wird von einer 300 Kilogramm schweren Metalltür geschützt.
Es handle sich zwar um einen wenig ansprechenden, aber durchaus nützlichen «Rückzugsort», um die Sinne zu schärfen, wenn es im Kopf wieder einmal «tobt und stürmt». Ein Entzugsort für Reizüberflutungen. Beispielsweise für den 31 jährigen Herrn L., der an einer Borderline Persönlichkeitsstörung leidet und erst kürzlich freiwillig für einige Stunden im Isolationszimmer war.
«Ich stamme aus einer wohlhabenden und gebildeten Familie, was mein Unglück noch befeuerte», erklärt der Patient. Zeit seines Lebens habe es seitens seiner Eltern nur eines gegeben: Leistungsdruck, ohne jegliche Form von Empathie.
«Schon meine Zeit im Gymnasium war ein einziger Kampf, den ich gar nicht austragen wollte.» So zu funktionieren, wie es der Grossteil der Menschheit könne, wolle ihm einfach nicht gelingen. Er führe ein Leben, das er als «emotionales Durcheinander» bezeichnet, und bewege sich zwischen Schwarz und Weiss.
Die Tatsache, dass das Leben bunt wie grau sein könne, sei für ihn befremdlich. Ein ständig wechselnder Alltag zwischen künstlicher Euphorie und schwerer Betrübtheit. Dazu die paranoide Störung gegenüber allen anderen in seiner Umgebung.
Der Umstand, dass seine Eltern seine Krankheit bis heute nicht wahrhaben wollen, habe es ihm nie ermöglicht, Boden unter die Füsse zu bekommen. «Fehler sind in meiner Familie nicht erlaubt. Ich bin der schwarze Fleck, den niemand sehen noch akzeptieren will.»
Dadurch sei er ein einsamer Mensch geworden, der weder zu seinen Eltern noch zu seinen Brüdern Kontakt habe. Denn sie hätten die Vorstellungen der Eltern erfüllt und verfügen je weils mindestens über einen Masterabschluss.
Endlich angekommen?
In dieser Einrichtung habe er nun seit gut zwei Jahren einen Ort gefunden, wo er nicht «weggeschmissen» werde. Denn in den zehn Jahren zuvor hat Herr L. abwechselnd in 13 Institutionen gelebt, seinen Platz aufgrund seiner fehlenden Impulskontrolle aber immer wieder verloren. «Meine Ausbrüche sind nicht verschwunden, und doch bin ich noch da, wofür ich sehr dankbar bin.»
Er arbeite hart an sich, führe jeden Tag Protokoll über seine Gefühlslagen und tausche sich regelmässig mit seinem Therapeuten aus. Dazu könne er sich in der Koch und Backgruppe engagieren und besuche ab und an den Bauernhof von Raphael di Gallo. «Meine Phobie vor Menschen wird wohl dennoch nicht verschwinden.» Aufgeben wolle er trotzdem nicht.


